Was ist PHONETIK?

Die mündliche Sprache ist die Basisform unserer Kommunikation – sie kam lange vor der Schriftsprache – und steht somit an erster Stelle. Diese Besonderheit nennt man in der Linguistik Primat der mündlichen Sprache.

Phonetik und Phonologie untersuchen als Teilbereiche der Sprachwissenschaft eben diese mündliche Sprache, genauer gesagt die Merkmale von Lauten und die Abgrenzung gegenüber anderen Lauten. Aber was kann man hier genau untersuchen und wie unterscheiden sich Phonetik und Phonologie voneinander?

Best Buddies: Phonetik und Phonologie

Die Phonologie verfolgt einen eher geisteswissenschaftlichen Ansatz und interessiert sich für die bedeutungsunterscheidende Funktion der Laute im Lautsystem einer Sprache.

BEISPIEL: Ändert sich die Bedeutung des Wortes Rampe, wenn ich das /r/ durch ein /l/ ersetze und wenn ja, inwiefern?

Im Gegensatz dazu ist die Phonetik, auch Lautlehre oder Sprechaktlautlehre genannt, naturwissenschaftlich orientiert und fragt danach, wie Sprachlaute vom Sprecher gebildet, wie sie übertragen und schließlich vom Hörer wahrgenommen werden. Untersucht wird hier also die physikalische, materielle, also die greif- und messbare Seite des Sprechens und Hörens – ganz unabhängig von der Bedeutung der Laute im Sprachsystem.

BEISPIEL: Wie unterscheidet sich die Position der Zunge im Mund beim Bilden der beiden Laute [r] und [l]?

Phonetik und Phonologie kann man sich als „Geschwisterdisziplinen“ vorstellen. Sie behandeln dasselbe Thema, nämlich sprachliche Laute, beleuchten es aber von unterschiedlichen Perspektiven aus und verwenden demnach auch nicht die gleichen Untersuchungsmethoden.

Die Grundeinheiten in der Phonetik

Grundeinheit in der Phonetik ist – wie der Name bereits verrät – das sogenannte Phon. „Phon“ stammt vom altgriechischen Begriff phōnḗ ab, was soviel bedeutet wie Laut, Ton, aber auch Stimme. Er findet sich unter anderem wieder in Wörtern wie Telefon, Mikrofon, Saxophon, usw.

Dargestellt werden Phone in eckigen Klammern, z.B. [k], [æ], [t]. Diese Schreibweise symbolisiert die tatsächliche, detaillierte Aussprache dieses Lautes und kommt Dir vielleicht von der Lautschrift englischer Vokabeln her bekannt vor: cat [kæt]

Teilgebiete der Phonetik

Die Phonetik lässt sich nochmals in drei Teilgebiete aufteilen:

1. Die artikulatorische Phonetik untersucht die Produktion von Lauten, genauer: die biomechanischen Vorgänge und Prozesse der Sprachlautproduktion als Zusammenspiel von Atemluft, Kehlkopf, aktiven und passiven Artikulatoren, verschiedenen Resonanzräumen und dem Gehirn.

BEISPIEL: Der Laut [m] wird bilabial erzeugt, als Artikulationsorgane kommen also Ober- und Unterlippe zum Einsatz.

2. Die akustische Phonetik beschreibt die Übertragung von Lauten als Schallwellen in der Luft. Mit Hilfe physikalischer Größen wie Amplitude und Frequenz des Lautsignals können Aussagen über Lautstärke und Tonhöhe getroffen werden.

BEISPIEL: Auf einem Oszillogramm, der grafischen Darstellung akustischer Signale, erkennt man einen höheren Ausschlag, also eine höhere Amplitude, wenn es sich um ein lautes Tonsignal handelt.


3. Die auditive bzw. perzeptive Phonetik analysiert die Wahrnehmung und Verarbeitung von Lauten in Gehör und Gehirn des Hörers.

BEISPIEL: Bei einer gestörten auditiven Differenzierung hat das Gehirn Schwierigkeiten, ähnliche Laute voneinander zu unterscheiden, obwohl das Gehör einwandfrei funktioniert. Besondere Probleme bereiten Wörter, die sich nur durch einen einzigen Laut voneinander unterscheiden, wie z.B. Kanne und Tanne.

Alternativ unterteilt man die Phonetik in die sprachunabhängige, allgemeine Phonetik und die sprachbezogene Phonetik, die sich ausschließlich mit den Lauten einer bestimmten Sprache beschäftigt.

Das signalphonetische Band

Artikulatorische, akustische und auditive Prozesse können in konkreten Gesprächssituationen nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Veranschaulicht werden können sie in Form eines signalphonetischen Bandes, das den Ablauf einer Signalübertragung in chronologischer Abfolge darstellt:


BEISPIEL: Das Gehirn von Philipp erhält von seinen Augen die Meldung, dass Philomena den Raum betritt. Daraufhin bereitet es eine Begrüßung vor (= neuronaler Prozess) und beauftragt die zuständige Muskulatur, einen Luftstrom zu produzieren (= Initiation), den Kehlkopf und die Stimmlippen Stimme zu erzeugen (= Phonation) und die Sprechorgane wie Zunge und Lippen, diesen Rohschall zu mehreren zusammenhängenden Sprachlauten zu modifizieren (= Artikulation): [ˈhalo]. Diese Laute werden in einer Abfolge von Schallwellen durch die Schwingungen der Luftmoleküle übertragen, bis sie das Ohr von Philomena erreichen. Ihre Ohrmuschel fängt die Schallwellen auf und leitet sie ins Innere des Ohres, wo sie so umgeformt werden (= Reiztransformation), dass Philomenas Gehirn die Information verarbeiten, sie mit der Wahrnehmung ihrer Augen, nämlich dass Philipp sich im Raum befindet, kombinieren und eine entsprechende Reaktion, z. B. einen Gegengruß, vorbereiten kann.

Beim signalphonetischen Band handelt es sich um eine lineare, stark vereinfachte Darstellung einer einzelnen Signalübertragung. In realen Kommunikationssituationen tritt eine Vielzahl solcher Signale auf, sie hängen wechselseitig voneinander ab und werden durch weitere Aspekte beeinflusst. Am Ende ergibt sich damit ein komplexes, multidimensionales signalphonetisches Kommunikationsmodell.

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Quellen:

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