SCHREIBEN IN CAFÉS – Natalie Goldberg

Old but Gold: Seit den 1980er Jahren sind Natalie Goldbergs Schreibtipps kontinuierlich in Druck, wurden in neun Sprachen übersetzt und weltweit über eine Million Mal verkauft. Damit gilt Schreiben in Cafés als einer der meistverkauften und einflussreichsten Ratgeber über Kreatives Schreiben überhaupt. Mit ihren fast 80 Jahren lehrt die erfolgreiche Schriftstellerin, Dichterin und Dozentin noch immer ihre Methoden an Universitäten und in Schreibwerkstätten.

Im Zuge meines Schreibpädagogik-Lehrgangs durfte ich den anderen Kursteilnehmerinnen ihr wohl bekanntestes Werk und gleichzeitig die Zusammenfassung ihrer Lehrinhalte präsentieren und eine Schreibübung daraus anleiten.

Titel: Schreiben in Cafés – Writing Down the Bones

Autorin: Natalie Goldberg

Originaltitel: Writing Down the Bones

Übersetzung: Kerstin Winter

Verlag: Autorenhaus Verlag, Berlin (5. Auflage, 2017)

Erscheinungsjahr: 1986

Seitenzahl: 198

Reihe: –



Inhalt

Laut Vorwort ist die Essenz von Schreiben in Cafés „Menschen zu ermutigen, ihre Gedanken ernst zu nehmen, sie niederzuschreiben und sie auf jede Weise mit Sinn zu erfüllen.“

In 65 Kapiteln, die im Schnitt nur 3-4 Seiten lang sind, gibt Natalie Goldberg ihren Leser/innen Tipps an die Hand, wie einem das Schreiben leichter von der Hand gehen kann, und veranschaulicht diese mit Hilfe autobiografischer Anekdoten, Erfahrungen, die sie mit ihren Schüler/innen gemacht hat, oder auch mittels konkreter Textbeispiele. Die Tipps, die wir hier finden, sind zum größten Teil allgemein gehalten, ganz konkrete Impulse zu Schreibübungen findet man nur bedingt.

Jedes Mini-Kapitel ist in sich abgeschlossen, man kann sich theoretisch ein beliebiges herauspicken und versuchen, den jeweiligen Ratschlag auf sein eigenes Schreibleben anzuwenden. Diese Isoliertheit hat jedoch zur Folge, dass die Tipps nicht in übergeordnete Themen gegliedert sind und eher wahllos – manchmal sogar ein wenig chaotisch – zusammengewürfelt daherkommen.

Damit Du dennoch einen Einblick in die Inhalte des Ratgebers bekommst, habe ich versucht, dieses Sammelsurium grob in Themenbereiche zu gliedern:

  1. Schreibumfeld und Hardware –> befasst sich mit der Wahl des richtigen Schreibwerkzeugs und möglicher Schreiborte sowie äußerer Umstände
  2. Anfangen / Dranbleiben / Loslassen –> umfasst Tipps zur Schreibroutine, zum Ablauf des Schreibprozesses sowie zu Schreibpausen
  3. Zensur & Kritik –> zeigt den Umgang mit der „inneren Lektorin“ sowie mit Lob und Kritik von außen
  4. Der Blick auf die Welt –> lädt dazu ein, eine ganz bestimmte Haltung zur Welt einzunehmen und erklärt, warum diese für Schriftsteller/innen wichtig ist
  5. Liebe zum Detail –> beschreibt die Bedeutung bestimmter Formulierungen bei der Textproduktion
  6. Schreiben als Gemeinschaftsakt –> behandelt den Austausch von Ideen und Geschichten und die Beziehungen zu Gleichgesinnten

Meine Gedanken

Bevor wir uns Schreiben in Cafés auf inhaltlicher Ebene widmen, ist es mir ein Anliegen, zunächst eine Lanze für den englischen Originaltitel zu brechen, der den Kern des Buches – wie so oft, wenn Übersetzer/innen am Werk sind – einfach so viel besser trifft als die deutsche Interpretation: Writing Down the Bones, was soviel bedeutet wie „die Knochen niederschreiben“, lässt sich als Metapher interpretieren für etwas, was bis in die Substanz hineingeht, zeigt das Schreiben als radikalen und ehrlichen Prozess. Bei Schreiben in Cafés dagegen bekommt man den Eindruck, hier handle es sich um eine Art Konzept. Tatsächlich widmet die Autorin nur ein paar Worte dem Schreiben an ungewöhnlichen Orten, darunter eben auch Cafés. Es wurde kurzerhand ein winziges Detail aus dieser ganzen Fülle an Material herausgenommen und – in meinen Augen auf eher nicht so gelungene Art und Weise – zu einem Gesamttitel romantisiert.

Ich würde Schreiben in Cafés als absolutes Basiswerk im Bereich des Kreativen Schreibens bezeichnen. Hier kann sich jede und jeder, ob Anfänger/in oder Fortgeschrittene/r, die ein oder andere Anregung für sich und sein Schreibleben herausholen. Gleichzeitig kommt das Buch ganz ohne Fremdwörter und hochtrabenden Fachjargon aus, daher kann ich es guten Gewissens auch all denjenigen ans Herz legen, die sich noch nie mit Kreativem Schreiben oder Schreiben im Allgemeinen auseinandergesetzt haben.

Immer wieder tauchen – gemäß der Interessen der Autorin – Querverweise zur buddhistischen Lehre, vor allem aber zur Zen-Meditation auf. Das Schreiben selbst wird letztlich als eine Art Meditation verstanden, ohne dass das Buch in seiner Gesamtheit allzu spirituell daherkommt.

Einige Tipps beziehen sich nicht direkt auf das Schreiben, sondern ganz allgemein auf die innere Einstellung und das persönliche Mindset und lassen sich somit auch auf andere Lebensbereiche oder zur Persönlichkeitsentwicklung ganz generell anwenden. An anderen Stellen geht es zwar auch ums „Alltagsschreiben“, aber tatsächlich richtet sich das Buch dann doch in erster Linie an Menschen, die die Produktion von Texten zu ihrem Beruf machen wollen, die diese auf ein qualitativ hohes Level heben und damit im Idealfall auch erfolgreich sein möchten.

Wer darüber hinaus etwas mit Zen-Meditation anfangen kann und/oder Lyrik als Steckenpferd hat – da die Autorin in erster Linie poetische Texte schreibt, finden sich dazu einige gesonderte Tipps im Buch -, der wird sich mit den Inhalten auf jeden Fall am allerbesten identifizieren können.

Die Tipps an sich sind prinzipiell zeitlos, weshalb das Buch seit den 1980ern ganz gut gealtert ist. An mancher Stelle muss man allerdings schon schmunzeln, wenn der Computer im Gegensatz zur Schreibmaschine noch als neuartiges Wunderding beschrieben wird. 😉 Wem also Referenzen zu unserer modernen, digitalisierten Welt wichtig sind: Finger weg!

Mir persönlich haben am besten die zahlreichen Bezüge zum Schreibleben der Autorin gefallen. Sie gibt auch Schwächen zu und stellt sich damit auf eine Stufe mit ihren Leser/innen, was sie sehr glaubhaft und nahbar wirken lässt. In diesem Zusammenhang ist mir der Ausdruck „menscheln“ in den Sinn gekommen: In Schreiben in Cafés menschelt es in fast jedem Kapitel und die Möglichkeiten zur Identifikation sind zahlreich. Das gesamte Thema „Schreiben“ wirkt auf diese Weise weniger abstrakt und das Ziel, einen (guten) Text zu verfassen, nicht mehr so unerreichbar.


Natalie Goldberg in Japan

In ihrem aktuellsten Buch Three Simple Lines – A Writer’s Pilgrimage into the Heart and Homeland of Haiku (leider bis jetzt nicht in deutscher Übersetzung verfügbar) begibt sich Natalie Goldberg auf eine (literarische) Reise nach Japan und erforscht die Geschichte der Haikus, die bis in das 17. Jahrhundert zurückreicht. Für das Verfassen der poetischen Dreizeiler gelten ganz strenge Regeln, deren Beherrschen inzwischen nicht mehr nur in Japan als hohe Kunst gilt.

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