Auf ganz neues mediales Terrain begibt sich der österreichische Schriftsteller und Essayist Karl-Markus Gauß mit dem Dokumentarfilm Schlendern ist mein Metier. Gauß ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern er steht auch im Zentrum des Interesses – oder vielmehr seine Reisen durch südosteuropäische Länder wie Bosnien und Serbien, die Suche nach seiner eigenen Vergangenheit und die Begegnungen mit Menschen, die heute wieder im ehemaligen Jugoslawien leben oder trotz der Widrigkeiten des Krieges immer dort geblieben sind.
Auf seiner Tour durch Österreich machen Film und Autor auch im Leokino in Innsbruck halt. Gauß eröffnet den Abend mit einer kurzen und humorvollen Lesung, in der er die Entstehung des Films thematisiert. Anschließend an die Filmvorführung stellt er sich in einer Diskussionsrunde den Fragen des Publikums.

EIN LEBEN FÜR DAS SCHREIBEN
Karl-Markus Gauß wurde am 14. Mai 1954 in Salzburg geboren und studierte Germanistik und Geschichte, seine ersten literarischen Essays veröffentlichte er im Wiener Tagebuch. Von 1991 bis 2022 war er Herausgeber und Chefredakteur der Literaturzeitschrift Literatur und Kritik, schrieb nebenbei aber regelmäßig für verschiedene deutschsprachige Tageszeitungen.
Gauß hat um die dreißig Bücher veröffentlicht und zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Für seine literarische Arbeit wurde ihm von der Universität Salzburg das Ehrendoktorat verliehen. Seine Werke sind meist im Bereich der Reiseliteratur zu verorten, häufig setzt er sich darin mit ethnischen Minderheiten und randständigen Nationalitäten auseinander, vergessenen oder vertriebenen Schriftsteller/innen sowie kleinen Sprachgruppen. Zuletzt erschien Schuldhafte Unwissenheit. Essays wider Zeitgeist und Judenhass.
Sein besonderes Interesse genießen südosteuropäische Länder, was nicht zuletzt auf die familiäre Vergangenheit des Autors – Gauß entstammt einer donauschwäbischen Flüchtlingsfamilie aus der serbischen Wojwodina – zurückzuführen ist.
Medienwechsel: Kino-Leinwand
Auf seiner Tour durch Österreich zeigt Karl-Markus Gauß „seinen“ neuen Film, den er gar nicht so wirklich als den seinen betrachtet. Schlendern ist mein Metier zeigt den Schriftsteller bei der ihm eigenen, ganz besonderen Art zu reisen, beim Recherchieren, Belege sammeln und ordnen und natürlich auch im Prozess des Schreibens. Man besucht mit ihm gemeinsam die Schauplätze seiner Bücher und begegnet Menschen, die mit ihrer eigenen Vergangenheit Teil derjenigen Geschichte sind, die Regisseur Johannes Holzhausen mit seinem Film erzählen möchte. Diese Menschen findet Gauß – oder finden sie ihn? – im heimischen Pinzgau, in anderen Regionen Salzburgs sowie auf dem Balkan und in Ungarn. Fokus seiner Reisen sind für den interessierten und aufmerksamen Zuhörer immer Begegnung und Austausch. Durch seine Arbeit gibt er den Menschen aus der Heimat – der alten und der neuen – eine Stimme.

Schlenderer, Flaneur, strawanzer
Gauß bezeichnet sich selbst als „Schlenderer“, der offen in die Welt hinaus geht, dabei zwar ein konkretes Ziel vor Augen hat, bei einer interessanten Gelegenheit dennoch gerne den ein oder anderen unvorhergesehenen Umweg in Kauf nimmt und auch manchmal einfach wieder umkehrt. Die Betitelung „Flaneur“, die ihm manchmal zuteil wird, findet er unpassend, impliziert sie für ihn einen snobistischen Menschen, der vornehmlich das Schöne im Blick haben möchte, „als wäre das Flanieren eine Angelegenheit für urbane Schöngeister […].“

Dabei übt sich der Autor aktiv in Langsamkeit und Geduld, hat sich Entspanntheit und Gelassenheit selbst auferlegt und findet diese vor allem im Schreiben und unterwegs. Er verliere sich nicht auf Reisen, er finde jedes Mal ein Stückchen von sich selbst, so Gauß.
Geschriebenes und Ungeschriebenes
Ein „Schlenderer“ ist Gauß auch beim Schreiben: Er habe konkrete Ideen im Kopf, die auf Umsetzung warten, der Schreibprozess führe ihn dann dennoch oft in eine neue Richtung.
Eine der Schlüsselaussagen des Films: Ein Autor definiere sich nicht nur durch die Werke, die er geschrieben hat, sondern auch durch solche, die er nicht geschrieben hat. Durch die Ideen, die ihm vorschwebten, deren Umsetzung und Veröffentlichung er dann aber aus den verschiedensten Gründen wieder verworfen hat. Gauß gewährt uns auch hier einen Einblick: Hat er sich vor Jahren noch intensiv mit der Recherche zum Thema „Deutschsprachige Minderheiten in aller Welt“ beschäftigt, ist diese Thematik mit der Zeit in den Hintergrund gerückt und musste anderen, in seinem Kopf präsenteren Themen Platz machen. Prioritäten setzen lautet die Devise, denn das Leben ist endlich. Das ist ihm nur allzu bewusst.
Karl-Markus Gauss in Innsbruck

Gemeinsam mit mehreren Mitstreiterinnen des Schreibcoach-Lehrgangs durfte ich Karl-Markus Gauß im Leokino in Innsbruck erleben:
Schon durch seine einleitenden Worte, in denen er sowohl literarisches Geschick als auch eine gehörige Portion Selbstironie beweist, gewinnt Gauß das Publikum für sich. Er thematisiert darin unter anderem die Unterschiede zwischen Literatur und Film: Im Film wirke Reales häufig gestellt, wohingegen einem in der Literatur Fiktives oft sehr real vorkomme.
Wie nicht selten bei dieser Art Dokumentarfilme hat mir ein wenig der rote Faden gefehlt – wir springen aus Serbien in den Pinzgau, weiter nach Bosnien, anschließend in den Pongau,… Überall begegnen wir Menschen, die in irgendeiner Art und Weise vom vergangenen Krieg geprägt sind. Wenn auch der Zusammenhang ein wenig verloren geht, sind deren Einzelportraits interessant. Hauptsächlich aber bekommen wir einen guten Einblick in einen wichtigen oder gar den wichtigsten Lebensbereich eines sehr inspirierenden Schriftstellers.
Die Fragerunde nach dem Film läuft zunächst schleppend an, bevor sie an Fahrt gewinnt. Gauß zeigt sich auch hier ganz offen und berichtet bereitwillig über sein Leben und Wirken als Autor, die Hintergründe zum Film und seine Beziehungen zu den Mitwirkenden und zu anderen österreichischen Autoren. Auch wieder klassisch: Irgendwann fühlt sich einer der Zuschauer bemüßigt, seine politische Haltung kundzutun und das Ganze driftet in eine nicht mehr recht zum Thema passende Trump-Putin-Tirade ab.
Leider ist Regisseur Johannes Holzhausen nicht wie geplant anwesend, das hätte dem Abend noch eine besondere „Dialog-Komponente“ verliehen.
Was ich persönlich mitnehme: Der Abend hat mich an meinen Vorsatz erinnert, den ich vor einigen Jahren während eines Besuchs im Museum des kroatischen Unabhängigkeitskriegs in Dubrovnik gefasst hatte, nämlich mich näher mit den Jugoslawienkriegen zu befassen. Zu diesem Zwecke steht auch Herkunft von Saša Stanišić schon lange in meinem Regal und wartet darauf, gelesen zu werden.
Nicht zuletzt hat mich auch Gauß selbst durch seine Art zu Reisen inspiriert. Es erscheint durchaus erstrebenswert, seinen Fokus unterwegs auch einmal auf Begegnungen und Gespräche zu legen anstatt auf Sehenswürdigkeiten und Touristen-Hotspots…

Quellen:
- Cinema Paradiso St. Pölten (o. D.): Karl-Markus Gauss: Schlendern ist mein Metier. https://www.cinema-paradiso.at/st-poelten/film-archiv/6769 (Abrufdatum 29.01.2026).
- Schinnerl, I. (2009): Gauß, Karl Markus, Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/Biographien/Gau%C3%9F%2C_Karl_Markus (Abrufdatum 29.01.2026).
- Zeillinger, Gerhard (2025): Karl-Markus Gauß: Entschleunigung üben und Unruhe bewahren, Der Standard. http://www.derstandard.at/story/3000000300916/karl-markus-gauss-entschleunigung-ueben-und-unruhe-bewahren (Abrufdatum: 29.01.2026).