Was ist ein ZEICHEN und sind sie wirklich überall?

Stellen wir uns ein langweiliges Telefonat mit unserem Versicherungsunternehmen vor – wir hängen in der Warteschleife, haben aber zum Zeitvertreib glücklicherweise Papier und Stift zur Hand. Gedankenverloren malen wir einen Haufen Kringel auf den Zettel…

Diese Kreise werden in der vorliegenden Form und Situation vermutlich keine tiefere Bedeutung haben – sie stehen für sich allein. Wir haben aber immer noch keinen Mitarbeiter an der Leitung, kritzeln weiter und stellen einem der Kreise ein „Hall“ voran. Alohomora, jetzt wird es magisch! Plötzlich ist der Kreis kein einfacher Kreis mehr, er ist zum Zeichen geworden, nämlich zum Buchstaben „O“.

Was hat sich verändert? Der Kreis nimmt nun eine sogenannte Stellvertreterfunktion ein. Schon Aristoteles hatte eine noch heute allgemein gültige, minimale Definition des Zeichens parat: Er spricht von „aliquid stat pro aliquo“ (etwas steht für etwas anderes). Wir greifen auf unser Vorwissen zurück und nehmen in unserem „Hallo“ – wir können an dieser Stelle gar nicht anders – den Kreis nicht als Kreis wahr, sondern als Teil des Wortes mit seiner für diese eine Situation definierten Funktion.

Stehen wir in der Wahlkabine und betrachten unseren Stimmzettel, denken wir uns nicht „So viele Kringel, da hing der Grafiker wohl irgendwo in der Warteschleife.“, wir lesen aber auch nicht von oben nach unten „O O O O O“, sondern wir erkennen die Kreise als Felder, die darauf warten, dass wir in einem davon unser Kreuzchen setzen.

Der Kreis tritt hier in einer anderen Situation mit einer anderen Funktion auf, ist zeichnerisch gleich (oder zumindest ähnlich) realisiert, steht aber für etwas völlig anderes.

Nicht-Sprachliche Zeichen

Beispiele für nicht-sprachliche Zeichen gibt es haufenweise, hier eine kleine Auswahl:

Verkehrsschilder, Emojis, Rauch als Zeichen für Feuer, verschränkte Arme als Zeichen von Ablehnung, die Lektüre eines Germanistikbuches als Zeichen von Interesse am Fach, der Ferrari als Zeichen für hohes Einkommen, ein voller Kühlschrank als Zeichen, dass man kürzlich beim Einkaufen war, usw.

Zeichen in der Sprachwissenschaft

Aber auch in verschiedenen Teildisziplinen der Linguistik nehmen Zeichen einen wichtigen Stellenwert ein:

symbolische Buchstaben, Wörter und Sätze, Onomatopoetika (Lautmalereien), Zahlen, Gebärden in der Gebärdensprache, bildhafte Schriftzeichen in Bildsprachen wie z.B. Chinesisch, die Verwendung eines Dialekts als Hinweis auf einen bestimmten Herkunftsort, usw.

Eine Welt voller Zeichen

Die Welt ist voll von Zeichen und es stellt sich die berechtigte Frage, ob nicht alles irgendwie als Zeichen interpretiert werden kann, ob nicht die komplette Welt als zeichenhaft betrachtet werden kann. Alles um uns herum besäße damit Bedeutung und könnte interpretiert werden. Jedes Zeichen verwiese dabei auf ein anderes, welches wiederum in einer Interpretation und in weiterer Folge in einer endlosen Kette an Bedeutungen münde. Der Frage nach den Grenzen näherten sich Wissenschaftler wie Ferdinand de Saussure und Charles Sanders Peirce an, deren Ansätze die Lehre von den Zeichen, die sogenannte Semiotik, als Forschungsfeld definieren.

Quellenangabe: Busch, Albert / Stenschke, Oliver (2014): Germanistische Linguistik, 3. Auflage. Tübingen: narr, S. 18.


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