GOTTESKRIEGER – Alexander Hogh & Lukas Kummer

Eine Graphic Novel über eine wahre Begebenheit aus dem Bereich des religiösen Fanatismus in der Frühen Neuzeit – erzählt nach den Aufzeichnungen eines der wichtigsten Augenzeugen der damaligen Zeit. Da liegt sie vor mir, ausgepackt aus einem frisch eingetroffenen Büchertauschpaket, und ist erstmal auf den „Vielleicht-behalten-Stapel“ gewandert. KÖNNTE ganz cool sein, KÖNNTE aber auch ein totaler Reinfall werden. Wird aus dem „vielleicht“ nun ein „ja“ oder ein „nein“? Eventuell einfach mal kurz reinlesen…?

Gotteskrieger_Hogh

Originaltitel: „Gotteskrieger – Eine wahre Geschichte aus der Zeit der Reformation“

Autoren: Alexander Hogh & Lukas Kummer

Verlag: TintenTrinker (1. Auflage, 2017)

Erscheinungsjahr: 2017

Seitenzahl: 160

Reihe: –

Inhalt

Münster im Jahre 1534/35: Die westfälische Stadt ist zum Versammlungsort einer sowohl von Katholiken als auch Protestanten verfolgten religiösen Gruppierung, der Täufer, geworden. Alle Bewohner, die sich weigern, sich der Erwachsenentaufe zu unterziehen, werden als Sünder vertrieben.

Als Schreiner Heinrich Gresbeck davon erfährt, schleicht er sich zusammen mit einem Freund in Münster ein – nicht etwa, um dort seine Seele zu retten, sondern um seiner dort lebenden Mutter beizustehen. Zu diesem Zeitpunkt wird die Stadt bereits von einem Söldnerheer des Fürstbischofs belagert.

Heinrich und Jakob werden immer tiefer mit hinein gezogen in den religiösen Fanatismus unter Täufer-Anführer Jan van Leiden, der sich schließlich selbst zum als von Gott auserwählten König krönt. Er stellt umstrittene Regeln auf, schränkt Freiheiten ein, es kommt zur Enteignung der Bevölkerung und harten Sanktionen gegen Kritiker. Als die Situation zunehmend außer Kontrolle gerät, Hunger und Armut unter der Belagerung dramatische Ausmaße annehmen und van Leiden zu keinerlei Verhandlungen mit den Gegnern bereit ist, kommen bei Heinrich zunehmend Zweifel am Täufertum und dessen Methoden auf. Er wird sich immer mehr des Unrechts bewusst und trifft eine folgenschwere Entscheidung…

Kopie von Irgendwo ist immer Sommer (3)

Meine Gedanken

Mein erster Gedanke, als ich „Gotteskrieger“ aus dem Büchertauschpaket ziehe: „Oh Gott, deutsche Geschichte, Religion und dann auch noch Martin Luther, mit dem ich so gar nichts am Hut habe.“ Irgendwo tief in meinem Unterbewusstsein blitzt eine Jahreszahl auf – 1517. Da war irgendwas mit Thesen, Spaltung der christlichen Kirche und so. Das war’s dann aber auch schon mit geschichtlichem Hintergrundwissen… Diese spärlichen Fakten scheinen zumindest halbwegs richtig zu sein, denn „Gotteskrieger“ ist 2017 zum Anlass von 500 Jahren Reformation veröffentlicht worden.

Macht es jetzt aber Sinn, sich ohne Vorkenntnisse an eine Geschichte über die Frühe Neuzeit zu wagen – zumal eine Graphic Novel ja nicht viel Text zum Verständnis hergibt? Wer sind diese Täufer, von denen hier die Rede ist? Wo liegt Münster überhaupt (auf jeden Fall oberhalb des Weißwurst-Äquators, das steht fest;-) und was macht diese Stadt zum Versammlungsort religiöser Fanatiker? Katholiken, Protestanten, Lutheraner, Täufer – wer glaubt hier an was genau und geht es am Ende überhaupt um den „wahren Glauben“?

So viele Fragen, die plötzlich auftauchen… – meine Neugier ist geweckt! 🙂

Die Geschichte ist erzählt nach dem Augenzeugenbericht Heinrich Gresbecks, eine der wenigen neutralen und damit glaubwürdigsten Schriftquellen über die Ereignisse in Münster. Da sehr wenig Persönliches über Gresbeck bekannt ist, sind bestimmte Personen und Anekdoten aus seinem Leben hinzu erfunden wurden, um eine lebendige und runde Story präsentieren zu können. Fakten und Fiktion werden jedoch im Vor- und Nachwort klar voneinander abgegrenzt.

Wir verfolgen also die Geschehnisse, wie Heinrich Gresbeck sie erlebt, immer wieder unterbrochen durch Rückblicke in die Geschichte. Dennoch wird ohne ausreichende Vorkenntnisse rein aus dem Hauptteil des Buches nicht ganz klar, wie die Täufer entstanden sind, an welcher (Unter-)Religion sie sich orientieren, was ihren Glauben ausmacht und was ihr Ziel ist. Am Ende des Buches gibt es ein Glossar, welches bestimmte Passagen des Comics in den passenden historischen Kontext rückt. Ich habe diese Verständnishilfe leider erst am Ende entdeckt – es macht vieles klarer, wenn man sie parallel zur Hauptgeschichte mitliest.

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aus „Gotteskrieger“ – S. 10

Bewertet werden bei einer Graphic Novel muss natürlich nicht nur der inhaltliche, sondern auch der künstlerische Teil des Werks. Hier muss ich sagen, dass mich die zeichnerische Gestaltung nicht ganz abholen konnte. Die Mimik der Figuren ist relativ abstrakt, sodass Emotionen und Charakterzüge für den Betrachter oft im Verborgenen bleiben. Nicht zuletzt dadurch haben die Figuren auch wenig Wiedererkennungswert, sodass sie an mancher Stelle – wie zum Beispiel in einer Schlachtszene, als alle Helm tragen – kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Positiv hervorheben möchte ich den kreativ und abwechslungsreich gestalteten Aufbau des Buches: Es beginnt mit einem Vorwort, das nach meinem Geschmack bereits zu viel von der Geschichte vorwegnimmt. Wer sich also völlig unbedarft hinein fallen lassen möchte, sollte die einleitenden Worte besser erst nachträglich lesen – wobei man dazu sagen muss, dass Spannung und Unvorhersehbarkeit nicht die Intention dieses Comics ist.

Nach der Geschichte selbst in Text und Bild folgt das Nachwort eines geschichtlichen Fachberaters und am Ende interessante geschichtliche Hintergründe – einzelne Bilder aus dem Comic werden nochmal separat herausgegriffen und explizit erklärt – und das bereits erwähnte Glossar.

Die Zusatzinformationen werden in einem ausreichenden Umfang zur Verfügung gestellt, ohne aber den Leser mit Fakten zu erschlagen. Wir können hier beispielsweise eintauchen in ein paar Seiten des Originalmanuskripts Heinrich Gresbecks und erfahren, wie die Epoche der Reformation im 16. Jahrhundert von tiefgreifendem Wandel geprägt war, was dazu führte, dass alte Weltbilder bröckelten und der Grundstein für die endgültige Spaltung des abendländischen Christentums gelegt wurde.

„Gotteskrieger“ zeigt eindrücklich auf, mit welchen auch an anderer Stelle zu beobachtenden Methoden religiöser Fanatismus arbeitet und funktioniert.

Mit den Täufern haben wir es mit einer Gruppierung zu tun, die sich als eine „Gemeinschaft der Gleichen“ sieht und das Wohl aller predigt, sich dann aber nichtsdestotrotz einige wenige unter dem Deckmantel von (zurecht gebogener) Religion und „Gottes Willen“ über alle anderen stellen. Auf dem Höhepunkt der Besetzung Münsters widerspricht das Täufertum seinen eigenen Regeln und führt sich somit selbst ad absurdum.

Fazit

Auch wenn die zeichnerische Gestaltung nicht ganz meinen Geschmack getroffen hat, fand ich das Buch in seiner Gesamtheit toll aufgebaut, die Story unterhaltsam und die Hintergrundinformationen super aufbereitet und präsentiert. Ich hatte am Ende das Gefühl, durch das für ein solches Thema ungewöhnlich gewählte Genre einer Graphic Novel auf entspannte Art und Weise sehr viel über eine Epoche unserer Vergangenheit gelernt zu haben, die in meinen Erwartungen nur mühsam und trocken hätte daherkommen können. Also: Traut euch ran an deutsche Geschichte! 🙂

Reisen zwischen den zeilen: was ist in münster heute noch von den täufern zu sehen?

Am Prinzipalmarkt, einer Prachtstraße direkt in Münsters Innenstadt, kann die imposante Lambertikirche mit ihrem beeindruckenden Turm bestaunt werden. Als Erinnerung an die Täuferzeit befinden sich hoch oben drei eiserne Käfige, in denen die Leichname der Täufer-Anführer der Verwesung überlassen worden sind.

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Der Zweck dieser Eisenkäfige (alternativ auch aus Holz gefertigt) ist offensichtlich: Die öffentliche Zurschaustellung zum Tode bestimmter und gefolterter oder bereits hingerichteter Gefangener zur Abschreckung potentieller Aufrührer und Delinquenten. Zudem wurden die Körper auf diese Weise zeitweise der Bestattung entzogen, was als zusätzliche Bestrafung galt.

Der mittig und etwas erhöht angebrachte Korb an der Südfassade der Lambertikirche war 1536 für den „Täuferkönig“ Jan van Leiden bestimmt. Auch ein Halsband und vier Eisenzangen, die bei seiner Folterung verwendet wurden, sind erhalten geblieben und können in Münster besichtigt werden.

Die in den Körben an der Lambertikirche zur Schau gestellten Leichen wurden nie entfernt und der Witterung überlassen. Noch fünfzig Jahre später sollen die letzten Knochenreste zu sehen gewesen sein.

Diskussionsbedarf

Was aus heutiger Sicht für mich so unverständlich scheint: Warum heucheln verfolgte Menschen nicht zumindest nach außen hin die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion, um ihr Leben zu retten? Wenn ihr Glaube nach innen so gefestigt ist, dann sollte es doch keine Rolle spielen, wenn die zugehörigen Praktiken im Geheimen praktiziert werden. Hatte Religion in der damaligen Zeit eine andere, so viel größere Bedeutung als heute? Wen könnt ihr besser verstehen – Märtyrer oder Fähnchen im Wind?

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